Direkt nach der Zytostatika-Gabe inklusive aller Begleitmedikation sind die Patienten in aller Regel extrem müde. Diese Müdigkeit verschwindet normalerweise nach ein bis zwei Wochen. Fühlen sich die Patienten jedoch über mehrere Wochen matt, erschöpft und antriebslos, spricht man von einer Fatigue (französisch für Müdigkeit und Erschöpfung) – einer ausserordentlichen Müdigkeit.

Die Fatigue – ein vielschichtiges Leiden

Neben einer möglichen Anämie spielen beispielsweise die Tumorerkrankung selbst, die belastende Therapie und die Psyche bei der Entstehung einer Fatigue eine wesentliche Rolle.

Man unterscheidet dabei die akute Fatigue, die bei circa 80 Prozent aller Patienten während der Tumorbehandlung vorübergehend auftritt, und die chronische Fatigue, die bei circa 40 Prozent mehrere Monate nach dem Behandlungszeitraum anhält.

Die Betroffenen fühlen sich sowohl körperlich als auch geistig extrem erschöpft: Auch durch viel Schlaf kann diese lähmende Müdigkeit nicht beseitigt werden. Das Treppensteigen fällt schwer, aber auch einfache Tätigkeiten wie die Körperpflege, Einkaufen, Kochen oder Putzen. Die Patienten können sich nicht konzentrieren, können keine klaren Gedankengänge fassen, klagen über Gedächtnisprobleme und berichten von einem permanent „müden Kopf“. Dazu kommen oft Traurigkeit, depressive Verstimmtheit, Lustlosigkeit, diffuse Angstgefühle und Schlafstörungen.

Eine Rückkehr in den Beruf ist daher oft problematisch und auch das soziale Leben leidet enorm.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

In den letzten Jahren wurden viele Erkenntnisse gewonnen, die den Patienten helfen können, wieder Energie und Lebensfreude und einen Weg zurück in den Alltag zu finden.

Eventuelle Ursachen wie geringer Eisen- oder Hb-Wert, Infektionen, Stoffwechselstörungen, Schilddrüsenprobleme, Medikamenten-Einnahme etc. müssen zuerst abgeklärt und gegebenenfalls behoben werden. Ebenso muss eine Depression ausgeschlossen werden. „Depressive Menschen unterscheiden sich von den Patientinnen mit Fatigue vor allem dadurch, dass sie auf die Frage: „Was würden Sie tun, wenn Sie nicht so erschöpft wären?“ keine Antworten finden. Patientinnen, die unter Fatigue leiden, haben Ideen, jedoch keine Energie, sie auszuführen“, erklärt Dr. Veronika Pasquinelli, Spitalfachärztin am Inselspital Bern „Unter Umständen kann aber auch bei Fatigue eine antidepressive Therapie sinnvoll sein“.

Sehr wichtig ist ein Wechsel von Aktivität und Ruhe. Es ist ratsam, ein angeleitetes leichtes Ausdauertraining, bei dem man jedoch nicht ausser Atem kommen soll, mindestens zweimal in der Woche während 50 Minuten durchzuführen.

Auch die psychoonkolgische Betreuung kann sehr hilfreich sein. Die Patientin erhält dabei Anregungen, wie sie ihren Tagesablauf planen kann und dabei ihre Energie-Ressourcen optimal einsetzt. Was kann man delegieren? Wie kann man Hilfe annehmen?

Nicht zuletzt ist eine vitaminreiche, leichte Ernährung sicherlich von Vorteil bei der Behandlung einer Fatigue.

Bei sehr schweren Fatigue-Zuständen kann mit Kortikosteroiden – allerdings nur vorübergehend (2-4 Wochen) – eine deutliche Verbesserung erreicht werden. „Die nicht-medikamentösen Massnahmen stehen aber bei der Behandlung der Fatigue eindeutig im Vordergrund. Die Behandlung des Symptoms „Fatigue“ ist vielschichtig und sollte die unterschiedlichen bio-psycho-sozialen Faktoren berücksichtigen. Zu wissen, dass Fatigue ein sehr häufiges Symptom darstellt, kann sehr entlastend wirken“, so Dr. Pasquinelli.

Karin Storz
Freie Journalistin
24.09.2014