Zu den neuen Tricks der Wissenschaftler zählen die sogenannten „Targeted Therapies“ – zielgerichtete Therapien, die nicht mehr auf den gesamten Körper wirken, sondern nur auf die gefährlichen Krebszellen gerichtet sind. So können viele der Kollateralschäden vermieden werden, die immer noch zu den Folgen einer aggressiveren Chemotherapie gehören können.

Eine dieser zielgerichteten, punktgenauen Therapien ist die Antikörpertherapie. Sie wird heute häufig als Ergänzung einer Chemotherapie eingesetzt, so auch bei Eierstockkrebs. Insbesondere bei einem Krebs, der schon einmal gestreut hat, kann sie das weitere Fortschreiten der Erkrankung verzögern. Nun gibt es eine weitere Therapiemöglichkeit mit einer neuen Wirkungsform, die in bestimmten Situationen eine Alternative zur Antikörpertherapie sein kann, erklärt Prof. Dr. med. Christoph Mamot, Chefarzt Onkologie, Medizinische Universitätsklinik des Kantonsspitals Aarau.

myHEALTH: Herr Prof. Mamot, seit einigen Jahren wird die sogenannte Antikörpertherapie in bestimmten Situationen als Ergänzung zur Chemotherapie in der Behandlung von Patientinnen mit Eierstockkrebs eingesetzt. Gibt es hierbei wesentliche Veränderungen?

Prof. Mamot: In der Antikörpertherapie hat sich mit dem Einsatz des Wirkstoffes Bevacizumab, einem sogenannten Angiogenese-Hemmer, nicht viel verändert. Die Datenlageist gleich und auch an der Indikation, also den Anwendungssituationen, hat sich nichts wesentlich geändert.

myHEALTH: Diese Angiogenese-Hemmer behindern die Neubildung von Blutgefässen, die Krebszellen für ihr Wachstum brauchen.

Prof. Mamot: Richtig, die Antikörpertherapie wird mit einer Chemotherapie oder auch als Erhaltungstherapie nach einer Chemotherapie eingesetzt. Eine wichtige Veränderung in diesem Zusammenhang betrifft ein weiteres Medikament, das hinzugekommen ist und mit der Antikörpertherapieaktuell auch nicht kombiniert wird. DerWirkstoff heisst Olaparib.

myHEALTH: Welche Patientinnen mit einem Ovarialkarzinom können von diesem neuen Wirkstoff profitieren?

Prof. Mamot: Es betrifft Patientinnen, bei denen eine vererbbare Mutation bestimmter Gene vorliegt. Diese Gene heissen BRCA1 und BRCA2. Heute macht man bei Patientinnen mit einem Ovarialkarzinom häufig auch genetische Tests, mit denen solche Mutationen erkannt werden können. Diese genetischen Veränderungen liegen bei ca. 20 Prozent dieser Patientinnen vor, also bei einer Minderheit. Häufig bekommen diese Frauen jetzt eine Erhaltungstherapie mit Olaparib, einem sogenannten PARP-Inhibitor.

myHEALTH: PARP-Inhibitoren behindern den Reparaturmechanismus von Krebszellen, wodurch sie schliesslich absterben. Kommen wir zu den Nebenwirkungen. Sie sind bei der Antikörpertherapie ja recht gering – wie sieht es hiermit bei dem PARP-Inhibitor Olaparib aus? Welche Nebenwirkungen konnten Sie in der Praxis beobachten und wie häufig treten diese auf?

Prof. Mamot: Die häufigsten Nebenwirkungen sind Störungen des Magen-Darm-Traktes oder auch das Auftreten von Müdigkeit bzw. Fatigue. Auch Blutbildveränderungen werden beobachtet und müssen regelmässig kontrolliert werden. Auf der anderen Seite kann die Dosis bei diesem Medikament sehr gut angepasst werden und dann sind die Nebenwirkungen auch nur selten ein Problem.

myHEALTH: Eine Antikörpertherapie wird als Infusion verabreicht. Gilt dies auch für den neuen Wirkstoff?

Prof. Mamot: Nein, diese zielgerichtete Therapie bekommen die Patientinnen in Tablettenform.

myHEALTH: Was wirkt denn besser – die Antikörpertherapie oder die Behandlung mit einem PARP-Inhibitor?

Prof. Mamot: Es gibt keine direkten Vergleiche. Man weiss tatsächlich noch nicht, was von beidem besser wirkt bzw. in welcher Reihenfolge sie optimal eingesetzt werden sollen. Und indirekte Vergleiche sind nicht wirklich sinnvoll. Aber die Datenlage – und dazu zählen auch die Überlebensraten – für eine Olaparib-Therapie sind so gut, dass sie zur Zulassung des Medikamentes führte. Doch wie gesagt: Es geht hier um einen kleineren Teil aller Patientinnen. Für die Mehrheit der Patientinnen hat sich hinsichtlich der Antiköpertherapie nichts verändert.

Dr. Kai Kaufmann
Freier Journalist