Dr. Alder, eine Krebsdiagnose zu erhalten stürzt die meisten Menschen in eine tiefe Krise. 
Was braucht eine Frau in dieser Ausnahmesituation?

„Sie braucht gute Informationen, auch um Entscheidungen zu treffen was die Behandlung betrifft. Und sie braucht schnelle Abläufe. Denn die Unsicherheit während der Zeit, zu der noch nicht klar ist, wie ausgeprägt der Krebs ist, ist besonders belastend. Da erzählt der Kopf einem die wildesten Geschichten.“

Wie erleichtern Sie Betroffenen diese Zeit?

„Ich unterstütze die Frauen dabei, all die komplexen Informationen rund um die Krankheit zu verarbeiten. Zu verstehen, was all das subjektiv für sie bedeutet. Das ist nicht für jede Frau gleich. Manchen finden Hilfe in Entspannungsübungen, andere brauchen Unterstützung dabei, sich innerhalb des Krankheitsbildes zu orientieren. Es geht auch darum, Gedanken zu ordnen oder Antworten zu finden auf Fragen wie „Wovor habe ich Angst?“, „Was kommt jetzt auf mich zu?“. Wenn die Frau gut Bescheid weiß, gibt ihr das Halt und Struktur.“

Viele Menschen leben wider besseren Wissens mit dem Gefühl, das Leben würde ewig so weitergehen. Was passiert mit einem, wenn man erfährt, dass das nicht der Fall ist?

„Der Mensch verliert in diesem Moment eine der wichtigsten Hoffnungen im Leben: Die Hoffnung auf ein unversehrtes Leben. Diese Illusion haben wir alle irgendwie. Mit der Diagnose Krebs endet sie abrupt. Man muss nun in sehr schneller Zeit eine Hoffnung loslassen und für sich eine neue formulieren. Psychisch gesehen ist das ein hoch komplexer Prozess. Und eine grosse Leistung unseres Gehirns. An Krebs erkrankte Menschen sind in diesem Moment gefordert, das rasch zu machen.“

Manche Frauen denken, sie hätten etwas falsch gemacht, etwa „falsch gelebt“ und seien deshalb erkrankt.

„Genau. Dabei ist es ganz klar erwiesen, dass Krebs so nicht entsteht. So etwas wie eine Krebspersönlichkeit gibt es definitiv nicht. Und es ist auch klar erwiesen, dass weder Stress noch irgendwelche psychischen Faktoren dazu beitragen, dass jemand Krebs bekommt.

Dennoch, wenn etwas so Schwerwiegendes passiert, suchen wir oft eine psychologische Erklärung, wie: Ich habe zu wenig auf mich geachtet, ich habe zu viele Gefühle heruntergeschluckt, ich habe mich zu wenig gewehrt und so weiter – das überlegen sich viele Frauen. Aber die Forschung zeigt ganz klar, dass das keine Rolle spielt. Insofern macht es überhaupt keinen Sinn, sich diese Fragen zu stellen, wenn sie Schuldgefühle machen.“

Wie helfen Sie einer Frau, die an der Frage „warum trifft es gerade mich“ leidet?

„Ich bewege sie von der Warum-Frage zur Wozu-Frage. Sie merkt sehr bald, dass ihr die Warum-Frage nicht gut tut. Wenn eine Frau es aber schafft, sich von der Warum-Frage (Warum habe ich diese Erkrankung?) zu der Wozu-Frage zu bewegen (Wozu habe ich diese Erkrankung? Was mache ich jetzt damit?) – dann ist ein ganz wichtiger Schritt erreicht.“

Inwiefern?

„Das Warum ist einfach nicht beantwortbar. Selbst der beste Krebsforscher kann das nicht vollständig erklären. Und die Warum-Frage führt auch zu keinem Handlungsplan, sie bringt Betroffene nicht weiter. Die Wozu-Frage hingegen bringt Frauen dazu, ihre Prioritäten im Leben noch einmal anzuschauen. Krebs gehabt zu haben, kann dazu führen, sich ganz klar zu überlegen wie es jetzt weitergehen soll. Um dann wirklich so zu leben, wie man leben möchte. So werden die Fragen, die man sich selbst stellt, konstruktiv.“

Im besten Fall ist die Krankheit also eine Art Katalysator dafür, das Leben danach bewusster zu leben – mehr zu tun, was man wirklich liebt?

„Ja. Viele Menschen kommen dazu im Verlauf einer schweren Erkrankung. Andere erkennen auch, dass sie nach einer Heilung genauso weiterleben möchten wie zuvor. Aber eine Krebserkrankung hinterlässt immer Spuren, es ist nie wirklich möglich nach Gestern zurück zu gehen. Das Kapitel Krebs ist immer ein Kapitel der eigenen Lebensgeschichte, und danach geht das Buch des Lebens etwas anders weiter – wie bei jeder anderen einschneidenden Erfahrung die man macht auch.“

Für Betroffene ist es sicherlich nicht leicht, negative Gedanken abzustellen. Wie helfen Sie dabei?

„Ich helfe der Frau dabei zu erkennen, welche Gedankengänge belastend sind. Und welche Gedankengänge ihr eher ein Konzept geben, einen Handlungsplan und vor allem das Gefühl, die Situation bewältigen zu können.

Wenn die Frau ihre Gedankengänge erst einmal bewusst wahrnimmt, kann sie sie auch selbst steuern. Sie kann lernen mit ihren Gedanken umzugehen.

Man kann sich in der Geschichte verlieren, die der Kopf einem erzählt oder man kann sie „entlarven“ als einen Fluss von Gedanken, der vorbeizieht. Sie beobachten, und nicht so viel auf den Inhalt geben. Das gilt nicht nur für Krebserkrankungen, sondern ist hilfreich für alle Situationen im Leben. Das ist eine Technik aus der Achtsamkeitslehre.“

Die Diagnose Krebs überrollt schnell das ganze Leben. Dabei bleiben ja neben der Krankheit viele Bereiche im Leben, die noch gut sind, die gesund sind. Versuchen Sie, den Fokus der Frauen auf diese Bereiche zu lenken?

„Absolut. Krebs ist nur ein Teil des Körpers und nur ein Teil der gesamten Person. Daneben gibt es auch viele gesunde Anteile. Je mehr die gesunden Aspekte Platz bekommen und genutzt werden, desto stabiler kann sich eine Frau durch die Krankheit bewegen.

Den Fokus nur auf den Krebs zu legen würde bedeuten, ganz vieles, was einem auch wichtig ist, zu vernachlässigen. In der Schweiz haben 300.000 Menschen eine Krebsgeschichte in ihrer Vergangenheit. All dieser Menschen leben heute weiter.

Wie können Frauen mit ihrer Angst umgehen?

„Es gibt Angstbewältigungsstrategien, die helfen, sie in den Griff zu kriegen. Man kann zum Beispiel die Angst einmal auf einen Stuhl setzen, mit ihr ins Gespräch kommen und zuhören, was sie einem zu sagen hat. Es gibt Angst-Stop-Techniken. Es ist wichtig die Angst anzugehen, denn sie kann sehr vereinnahmend sein.“

Man sollte also der Angst nicht ausweichen, sondern sie genau anschauen?

„Genau. Hinter Angst verbirgt sich meist etwas, das wichtig zu kennen ist. Angst kommt auf, wenn etwas, das einem ganz wichtig ist, scheinbar bedroht ist. Man kann die Angst als ein Signal nehmen, diesen Wert wieder deutlich zu sehen. Ein Beispiel: Wenn etwa eine junge an Krebs erkrankte Frau Angst bekommt, wenn sie ihre Kinder sieht und denkt, sie könne auf keinen Fall aus dem Leben gehen und diese Kinder allein lassen, dann kann sie diese Angst als Lichtsignal nehmen, um zu erkennen, was ihr hier so wichtig ist. Sie kann - wenn die Angst aufkommt – etwas Schönes mit ihren Kindern unternehmen. So stellt sie sicher, das, was ihr so wichtig ist, auch zu leben.“

Was erleichtert Frauen die belastende Zeit von OP und Chemotherapie?

„Das ist natürlich sehr individuell. Da gibt es so viele unterschiedliche Bedürfnisse wie es Frauen gibt. Meine Arbeit ist, zu schauen, was die jeweilige Frau braucht. Manche finden z.B. Visualisierungstechniken hilfreich. Das sind Übungen mit inneren Bildern, bei denen die Frau lernt, einen Ruheort im Körper zu finden. Oder eine Ressource, ein Gefühl von Hoffnung. Sie kann dann jederzeit diese Übung anwenden und so ein Gefühl von Geborgenheit für sich herstellen.“

Es gab einmal einen Trend, durch Visualisierungstechniken den Krebs zu bekämpfen.

„Das war eine Zeitlang eine Strömung im Sinne von: Ich stelle mir vor, wie sich alle meine gesunden Zellen gegen die Krebszellen wehren“. Diese Bilder wurden generiert, um den Kampfgeist und die Selbstheilungskräfte anzuregen. Man hat gesehen, dass das nicht wirksam ist. Im Gegenteil. Es führte eher dazu, dass Frauen Schuldgefühle bekamen, wenn die Methode nicht wirkte.“

Ihre Arbeit betrifft also nicht den Krebs an sich, sondern den Umgang mit der Krankheit?

„Genau. Die Behandlung des Krebses gehört in die Hand der Ärzte. Bei meiner Arbeit geht es um die dazugehörigen Gefühle, um die Lebensqualität und das Wohlbefinden der Frau. Leidet eine Frau sehr an der Übelkeit während der Chemotherapie finden wir gemeinsam einen guten Umgang damit. Oft ist Müdigkeit eine grosses Thema. Ich unterstütze die Frau darin, zu erkennen was die Müdigkeit verschlimmert, um diese Situationen zu vermeiden. Sie kann den Tag besser planen, wenn sie die weiss, was die Müdigkeit auslöst und vielleicht auch schauen, welche Belastung sie abgeben kann.“

Oft gilt ein Krebs als „zunächst geheilt“, doch die Angst vor einem Rückfall bleibt. Wie lebt man trotz dieser Unsicherheit gut weiter?

„Rezidiv-Angst ist etwas sehr häufiges. Sie nimmt mit der Zeit ab. Aber bei den ersten Nachkontrollen ist sie da. Und sie hat ja auch ihre Funktion. Es ist ja tatsächlich auch eine Gefahr vorhanden. Wenn wir keine Angst hätten, würden wir nicht zu den Nachkontrollen gehen. Angst gibt Menschen auch einen Überlebensvorteil. Manchmal wird sie grösser als die Realität es verlangt, dann wird sie belastend.“

Was können Sie tun, wenn eine Frau erfährt, dass ihr Krebs nicht heilbar ist?

„Wichtig ist zu wissen, dass es auch Frauen gibt, die viele Jahre mit Metastasen und Krebs leben. Bei anderen schreitet die Erkrankung wiederum schnell voran.

Auf die Gewissheit, sterben zu müssen, reagiert jeder anders. Viele beschäftigt der Sterbeprozess an sich. Wie fühlt sich das an? Werde ich Schmerzen haben? Dann sind es Themen wie: Wie geht es weiter ohne mich? Wie möchte ich die letzte Zeit verbringen?Was ist mir jetzt noch wichtig? Wofür reicht meine Kraft noch? Und wofür nicht mehr? Was bleiben für Spuren von mir übrig? Das sind so existenzielle Fragen, die sich die meisten Menschen irgendwann im Leben einmal stellen. Wenn eine Krebserkrankung auftritt, kommen diese Fragen früher.

Es gibt auch Menschen, die gehen ganz unorganisiert aus dem Leben, die möchten sich mit all diesen Fragen nicht auseinandersetzen. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch.“

Hilft es, Kontakt aufzunehmen zu anderen an Krebs Erkrankten?

Es gibt zwei Typen: Der eine Typ Frau ist gern in Selbsthilfegruppen, der Austausch tut ihr gut. Die andere Gruppe von Frauen möchte nicht noch andere Geschichten hören. Sie hat das Gefühl, genug mit ihrer eigenen zu tun zu haben.

Es kommen auch Angehörige zu Ihnen. Wie helfen Sie ihnen?

„Manchmal ist es schwierig für die Angehörigen, das Leiden des anderen mit anzusehen, mit auszuhalten. Sie haben vielleicht Angst, den anderen zu verlieren. Oder sind betroffen, dass der andere vielleicht gehen wird, während sie selbst weiterleben. Sie fragen sich, wie sie weiterleben sollen mit dem Verlust. Oft macht ihnen auch Unsicherheit im Umgang mit dem Kranken das Leben schwer: Darf ich fragen wie es ihm geht? Wie soll ich mit der Trauer oder mit den Launen meiner Frau umgehen? Bei der Bewältigung dieser Probleme stehe ich Angehörigen zur Seite.“

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch Frau Alder.


Weitere Informationen:


Hier finden Sie eine Psychoonkologin.

Hier finden Sie Kontakt zu anderen Betroffenen 


Wer weiterlesen möchte:

Diagnose-Schock: Krebs, Hilfe für die Seele – Konkrete Unterstützung – Für Betroffene und Angehörige

Ein von Psychoonkologen verfasster Ratgeber mit vielen praktischen Tipps.

Melanie Oettinger
Freie Journalistin