Zum Glück ist Eierstockkrebs – Ärzte spechen vom “Ovarialkarzinom” – bei weitem nicht so häufig wie Brustkrebs. In der Schweiz erkranken jährlich rund 600 Frauen. Doch was ihn so gefährlich macht: Er bleibt lange unbemerkt und seine Zellen vermehren sich schnell. So wird er bei vielen Frauen erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt. Heute weiss man, dass es durchaus frühe Alarmsignale gibt. Das können Bauchschmerzen sein, Blähungen, ein verändertes Stuhlverhalten, ein aufgedunsener Bauch. Symptome, die selbst Ärzte oft lange an harmlose Verdauungsproblem denken lassen, statt an eine gynäkologische Erkrankung. Dazu kommt, dass es keine Vorsorgeuntersuchung für Eierstockkrebs gibt. Umso wichtiger für Frauen, achtsam zu sein. Und bei Beschwerden, die man zunächst dem Darm zuschreibt, unbedingt auch zum Frauenarzt gehen. Denn wie bei allen Krebsarten ist die Chance auf Heilung am grössten, je früher er erkannt wird.

Diagnose Eierstockkrebs – Was kommt jetzt auf mich zu?

Findet der Gynäkologe durch Tasten, im Ultraschall oder in einer Computertomografie Veränderungen im Gewebe, besteht der dringende Verdacht auf Eierstockkrebs. Letzte Sicherheit bringt eine Gewebsprobe. Insofern ist eine Operation unumgänglich. “Die Therapie von Eierstockkrebs besteht immer aus einer OP und einer Chemotherapie”, so Dr. Margret Hüsler. Im Büro der Chefärztin der Gynäkologie des Spitals Männedorf steht ein Regal, das bis unter die Decke gefüllt ist mit roten Ordnern. “Alles Akten von Patientinnen mit Krebs, die hier behandelt wurden”, erklärt die Ärztin. “Nachdem ich einer Patientin diese Diagnose mitteile, machen wir rasch einen OP Termin. Meist innerhalb der nächsten zwei Wochen. Die Diagnose ist eine grosse psychische Belastung, und erst nach der OP hat die Frau Gewissheit über das Stadium ihrer Erkrankung.”

Für die OP gibt es nun zwei Möglichkeiten: Ist der Befund aus Ultraschall und Computertomografie sehr deutlich, steht eine grosse OP an. Per Bauchschnitt werden beide Eierstöcke, die Eileiter, die Gebärmutter und alles betroffene Gewebe im Bauchraum entfernt. Bei einem fraglichen Befund kann zunächst ein kleiner Eingriff die Diagnose sichern: Per Bauchspiegelung wird nur der befallen Eierstock entnommen. Das Gewebe wird vom Pathologen untersucht, und dann wird entschieden, ob eine weitere, grosse Operation ansteht.

“Die Diagnose ist zunächst ein Schock, und die Frau muss sich auf eine umfangreiche Therapie einstellen. In der Regel werden die Frauen nach dem Befund von Eierstockkrebs krank geschrieben”, so Dr. Hüsler.

Eierstockentfernung und Kinderwunsch

Ist der Krebs weit fortgeschritten, ist die vollständige Entfernung der Eierstöcke unerlässlich. Für Frauen, die sich noch Kinder wünschen, ist das eine Katastrophe. Jedoch erkranken vor allem Frauen nach den Wechseljahren an Eierstockkrebs. Bei Frauen unter 40 tritt er seltener auf. Für junge, erkrankte Frauen ist das Stadium entscheidend: “Wenn der Krebs im Frühstadium ist, kann man bei jungen Frauen nur den betroffenen Eierstock sowie die Lymphdrüsen entfernen und den anderen Eierstock erhalten. Aber das sind absolute Ausnahmefälle. Sicherer ist es auf jeden Fall, beide Eierstöcke zu entfernen. Ich operiere nur eierstockerhaltend, wenn die Frau dies ausdrücklich wünscht”, so Dr. Hüsler.

Nach der OP – Der Körper stellt sich um

Nach 7-10 Tagen kann die Frau das Krankenhaus verlassen. Nun finden grosse hormonelle Veränderungen statt: Der Verlust der Eierstöcke zwingt den Körper in die Wechseljahre, denn ohne das Organ fehlen auch die Hormone die es produziert. Das heisst: Hitzewallungen, Unruhe oder depressive Verstimmung können die Zeit der Therapie zusätzlich belasten. Frauen, die stark unter den Wechseljahresbeschwerden leiden, bekommen das Präparat Venlaflaxin, welches die Symptome mildert.

Die Frauen haben nun auch keinen Zyklus mehr. Auf die Sexualität hat die Operation allerding keine grossen Auswirkungen. Das fehlende Östrogen führt lediglich zu Scheidentrockenheit, die gut durch Cremes behandelt werden kann.

Chemotherapie – Heute viel besser verträglich

Laut Dr. Hüsler haben viele Frauen Angst vor der Chemotherapie. “Die Chemo bei Eierstockkrebs ist jedoch relativ gut verträglich. Man bekommt ein Mittel gegen die Übelkeit. Ein grosser Fortschritt ist zudem eine Kühlhaube, die die Frauen während der Therapie tragen. Der Kopf wird heruntergekühlt, was verhindert, dass die Haare ausfallen.”

Am Termin der Chemotherapie verbringen Frauen einen halben Tag im Krankenhaus. Ausser der Übelkeit sind Gefühlsstörungen in Händen und Füssen eine häufige Nebenwirkung, die insofern gefährlich sind als dass die Frauen dadurch manchmal stürzen. Das Kribbeln oder Taubheitsgefühl verschwindet zwar wieder, aber das kann Monate oder sogar Jahre dauern.

Für die Tage nach der Chemo ist es ratsam, sich sowohl Ruhe als auch Hilfe zu gönnen. Oft sind die Frauen sehr müde und abgeschlagen. Übelkeit, Durchfall oder Verstopfung können auftreten. Doch nicht nur körperlich, auch psychisch ist die Chemotherapie eine grosse Belastung. Dr. Hüsler schreibt ihre Patientinnen daher in dieser Zeit krank. “Nach einigen Tagen folgt aber auch wieder eine Zeit, in der es den Frauen gut geht”, erklärt die Ärztin.

Die Chemotherapie beginnt vier bis sechs Wochen nach der Operation. Meist sindsechs Behandlungen nötig, die im Abstand von drei Wochen stattfinden. Die Therapie dauert damit ungefähr vier Monate.

Antikörper-Therapie

Antikörper blocken die Gefässversorgung des Tumors. Er bekommt weniger Blut und wird somit ausgehungert. Diese Therapieform kann weder Chemotherapie noch OP ersetzen, aber sinnvoll ergänzen. “Frauen, bei denen in der OP nicht alle Tumorzellen entfernt werden konnten, bekommen oft zusätzlich zur Chemotherpie Antikörper”, erklärt Dr. Hüsler. Studien zeigen zudem, dass eine Antikörpertherapie während der Erstbehandlung das Auftreten eines Rückfalls hinauszögert. Weil die Antikörper-Therapie jedoch sehr kostspielig ist, bewahrt man sich diese Möglichkeit oft für den Fall eines Rezidivs auf.

Eierstockkrebs ist eine chronische Erkrankung

Leider gibt es bei Eierstockkrebs häufig Rückfälle, die sogenannten Rezidive. “Wir operieren alles sichtbar betroffene Gewebe weg, wir machen eine Chemotherapie, aber dann kommen die Tumorzellen oft wieder”, erklärt Dr. Hüsler. “Deshalb sage ich meinen Patientinnen, Eierstockkrebs sei eine chronische Erkrankung.” Zwei Drittel aller Ovarialkarzinome treten wieder auf.

Was davor schützt? Eigentlich gar nichts. Ausser zu engmaschigen Nachkontrollen zu gehen, kann man nicht viel tun. In den ersten Jahren hat die Frau eine Kontrolle pro Vierteljahr. Nach fünf Jahren reicht eine jährliche Nachuntersuchung. Je länger man tumorfrei bleibt, desto grösser die Chance auf vollständige Heilung. Es gibt auch Frauen, die nie einen Rückfall erleiden. Kommt es jedoch zum Rezidiv, ist der Krebs meist nicht mehr heilbar. Man entfernt erneut alle Krebszellen, behandelt mit Chemotherapie, und hofft, dass der Zeitraum bis zum erneuten Auftreten möglichst lang ist.

Früh erkannt liegt die Chance auf Heilung bei 90 Prozent

Eierstockkrebs ist gemein: Denn er ist leise, aber schnell. Selbst wenn die Krebszellen noch mikroskopisch klein sind, vermehren sie sich blitzschnell in der Bauchhöhle. Lange Zeit galt er daher als “silent killer”. Heute kennt man seine frühen Alarmsignale. Doch wegen Blähungen, Bauchschmerzen oder verändertem Stuhlverhalten gehen viele lange Zeit nicht zum Arzt. Dabei kann der Frauenarzt ganz einfach Eierstockkrebs weitgehend ausschliessen: Im vaginalen Ultraschall – einer komplett nicht-invasiven Methode – werden die Eierstöcke und die Eileiter beurteilt. Wenn es dann doch Anzeichen für Krebs gibt, folgt eine Computertomografie.

Rechtzeitig Konsequenzen ziehen: Ein Gentest erkennt das Risiko

Der Gentest zur Früherkennung von Brust- und Eierstockkrebs ist durch Angelina Jolie recht popular geworden: Die Schauspielerin, bei der beide Krebsarten in der Familie vorkommen, liess sich nach positivem Test die Brüste und Eierstöcke vorsorglich entfernen.

Wenn eine Veränderung – Ärzte sprechen von einer Mutation – in einem der Gene BRCA1 oder BRCA2 vorliegt, besteht tatsächlich Handlungsbedarf: Denn die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken liegt nun bei 80 Prozent, das Riskio für Eierstockkrebs bei 30-50 Prozent.

Kommen also Brust- oder Eierstockkrebs in der Familie vor, können Frauen sich in spezialisierten Zentren beraten und gegebenenfalls durch eine Blutprobe testen lassen. Der Test ist zwar einfach, aber kostspielig: Derzeit müssen Frauen in der Schweiz mit 3661 CHF rechnen. Ob die Krankenkasse die Kosten übernimmt, hängt von der Höhe des Risikos ab.

Ist der Test positiv, hat die Frau mehrere Möglichkeit: Sie kann an einem engmaschigen Früherkennungsprogramm für Brustkrebs teilnehmen. Für Eierstockkrebs gibt es dieses Früherkennungsprogramm bisher nicht. Ihr Gynäkologe sollte bei der jährlichen Vorsorguntersuchung die Eierstöcke und Eileiter jedoch gründlich per Ultraschall untersuchen.

Manche Frauen möchten auf Nummer Sicher gehen und können über zwei vorsorgliche Operationen nachdenken: Durch die Entfernung beider Brüste sinkt das Risiko an Brustkrebs zu erkranken enorm. Durch die prophylaktische Entfernung der Eierstöcke ist das Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken, praktisch bei Null. Diese OP senkt zudem auch das Brustkrebsrisiko.

Ernährung gegen Krebs? Gibt es das?

Die Schweizer Studiengruppe für Komplementäre und Alternative Medizin bei Krebs (SKAK) hat vorhandene Studien zur Ernährung bei Krebs gründlich unter die Lupe genommen. Ihr Ergebnis: Eine vollwertige Ernährung aus viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten stärkt am besten und sorgt einem Vitaminmangel durch die Krebstherapie vor. So kann Mangelerscheinungen durch die Behandlungen vorgebeugt werden. Ärzte bezweifeln jedoch, dass die Ernährung eine Wirkung auf den Krebs an sich hat. Dafür gibt es bis heute keine eindeutigen Belege.

Aber kann die richtige Ernährung vor Krebs schützen? In den letzten Jahren machten Schlagzeilten wie “Eiweiß erhöht Krebsrisiko” die Runde. Tatsächlich liess sich in zahlreichen Studien nachweisen, dass tierische Eiweisse wie sie in Fleisch und Milchprodukten vorkommen das Wachstum von Krebszellen begünstigen. Viele Menschen, ob vorsorglich oder währende einer Krebstherapie, setzen daher auf vegane Ernährung: Sie vorsorgen ihren Körper lieber mit pflanzlichen Eiweisen wie sie zum Beispiel in Soja, Hüsenfrüchten, Nüssen und Getreide vorkommen.

Alternative Therapien: Was macht Sinn, wo liegen Grenzen?

Eine “Wunderwaffe” gegen Krebs mit wissenschaftlich anerkannter Wirksamkeit gibt es bis heute leider nicht. Nach aktuellem Stand der Forschung gehört eine Krebserkrankung immer in die Hand von Ärzten.

Sind die Eierstöcke von Krebszellen befallen, halten Schulmediziner eine Operation und Chemotherapie für unbedingt notwendig und durch nichts zu ersetzen. Bei anderen Krebsarten zählen auch die Strahlentherapie, die Antikörper- und Hormontherapie zu den etablierten, wissenschaftlich bewährten Methoden.

Alternative Therapien sind sinnvoll, um diese Behandlung zu ergänzen. Denn sie können die Befindlichkeit der Erkrankten verbessern: sie können Schmerzen lindern, das Nervensystem beruhigen, für besseren Schlaf oder eine gute Verdauung sorgen. Wissenschaftliche Belege dafür, dass sie auch den Krebs bekämpfen, stehen bis heute aus.

Experten sehen auch eine Gefahr in dem Hype um alternative Krebstherapien: Sie werden dann gefährlich, wenn sie einen Erkrankten dazu bringen, bewährte, konventionelle Therapien abzulehnen. So kann der Moment verpasst werden, zu dem eine Heilung noch möglich ist. Ein populäres Beispiel ist Steve Jobs, der lange versuchte, seinen Bauchspeicheldrüsenkrebs mit Fruchtsäften und Akupunktur zu kurieren. Kurz vor seinem Tod bereute er, sich viel zu spät für eine OP entschieden zu haben.

Wer sich zusätzlich zu seiner Krebstherapie zu alternativen Methoden entscheidet, sollte dies unbedingt seinem Arzt mitteilen. Denn nicht selten kommt es zu Wechselwirkungen zwischen den schulmedizinischen und den alternativen Mitteln.

Hier ein kurzer Überblick über alternative Krebstherapien:

Immuntherapie

Krebszellen entwickeln sich aus körpereigenen Zellen. So tarnen sie sich als harmlos. Unser Immunsystem erkennt sie nicht als Feind und kämpft nicht gegen sie an. Bei der Immuntherapie wird unser Abwehrsystem durch bestimmte Botenstoffe „wachsam“ gemacht. So erhofft man sich, dass es den Krebs bekämpft.

Misteltherapie

Die Pflanze enthält Eiweiße, die das Immunsystem anregen, Fresszellen (Makrophagen) und Killerzellen (antikörperproduzierende B-Zellen) zu bilden. Zusätzlich hellen ihre Wirkstoffe die Stimmung auf. In Studien konnte die positive Wirkung aufs Gemüt und damit eine Verbesserung der Lebensqualität während der Chemotherapie nachgewiesen werden. Valide Beweise einer Wirkung auf den Krebs stehen noch aus.

Vitamin-Therapie

Vitamine aus der Reihe A, C, D oder E gelten als Radikalenfänger. Sie regulieren die Zellteilung, regen das Abwehrsystem an und bekämpfen krebserregende Stoffe. Doch auch hier ist die Wirkung wissenschaftlich noch nicht ausreichend geklärt.

Melatonin-Therapie

Melatonin ist unser körpereigenes „Schlafhormon“. Schüttet der Körper es aus, werden wir müde. In den letzten Jahren konnte eine ganze Reihe günstiger Wirkungen dieses Hormons nachgewiesen werden: Es stärkt das Immunsystem, bekämpft Freie Radikale und verhindert Veränderungen im Erbgut. Es wird vermutet, dass zu wenig Melatonin im Blut die Entstehung von Krebs begünstigt. Gleichzeitig nimmt die körpereigene Produktion von Melatonin im Alter ab.

Studien aus Kanada und Spanien zeigen ein geringeres Sterberisiko bei Lungen-, Haut-, Nieren- und Brustkrebs durch die Melatonin-Therapie.

Ein günstiger Nebeneffekt von Melatonin ist natürlich der gute Schlaf. Wichtig: Ein Melatonin-Präparat am Abend einnehmen!

Akupunkur, Entspannungstherapie, Meditation, Yoga

Dies sind sanfte, anerkannte Methoden, um sich während der Krebstherapie besser, stabiler und ausgeglichener zu fühlen. Hier gilt es für jeden einzelnen herauszufinden, was ihm gut tut.

Melanie Oetting
Freie Journalistin

Expertin:

Dr. med. Margaret Hüsler, Chefärztin der Klinik für Gynäkologie am Spital Männedorf. Sie ist Expertin und Operateurin für Ovarialkarzinom und zertifiziert von der Arbeitsgemeinschaft “Gynäkologische Onkologie”.