Unter dem Begriff «Chemotherapie» kann sich fast jeder etwas vorstellen. Anders sieht es mit einer Behandlung aus, die seit einigen Jahren gegen den Eierstockkrebs eingesetzt wird: die Antikörpertherapie mit dem Wirkstoff Bevacizumab. Einfach ausgedrückt werden hierbei spezielle Antikörper (Proteine) eingesetzt, die die Neubildung von Blutgefässen (Angiogenese) behindern können. «Diese Blutgefässe brauchen die Krebszellen aber vor allem für ihr Wachstum», erklärt Prof. Dr. Mamot. Durch die verminderte Blutzufuhr wird nun versucht, die Tumorzellen sozusagen «auszuhungern».

myHEALTH: Herr Prof. Dr. Mamot, in welchen Situationen wird die Antikörpertherapie in der Behandlung von Patientinnen mit Eierstockkrebs eingesetzt?

Prof. Dr. Mamot: Sie wird in der Regel zusammen mit einer Chemotherapie eingesetzt. Die Antikörpertherapie hat zwar durchaus einen Vorteil für die Patientinnen, aber dieser ist relativ gering. Das Rückgrat der Behandlung bildet weiterhin die Chemotherapie. Ihre Wirksamkeit wird durch die Antikörpertherapie, die übrigens als Infusion verabreicht wird, ein wenig verbessert.

In welcher Therapiephase gibt es diesen Vorteil?

In Studien hat der Antikörper in den verschiedensten Situationen einen gewissen Zusatznutzen gezeigt, sowohl in der Erstbehandlung eines Ovarialkarzinoms als auch in der Situation eines Rückfalls. Das heisst aber nicht, dass alle Patientinnen in der Erstbehandlung diesen Antikörper bekommen müssen oder sollen. Der grösste Nutzen wurde nachgewiesen, wenn bei einer Erstoperation relativ viel Tumorgewebe zurückgelassen werden musste. In diesen Situationen bekommen Patientinnen relativ häufig diesen Antikörper. Ist die Operation sehr gut verlaufen, werden die Patientinnen in der Regel erst bei einem Rückfall mit dem Antikörper behandelt.

Welchen Vorteil haben die Patientinnen ganz konkret von einer Antikörpertherapie?

Ein gewisser Überlebensvorteil konnte für die Situationen gezeigt werden, in denen bei einer Erstoperation verhältnismässig viel Krebsgewebe nicht entfernt werden konnte. In allen anderen Situationen des Ovarialkarzinoms lag der Vorteil der Antikörpertherapie hauptsächlich in einer Verlängerung des Zeitraums, bis es nach der Erstoperation wieder zu einem Wachstum des Tumors kam.

Wie sieht es mit den Nebenwirkungen aus?

Im Vergleich zur Chemotherapie sind die Nebenwirkungen relativ gering. Es kann einige wenige Nebenwirkungen geben wie z. B. erhöhten Blutdruck, der aber kontrolliert und eingestellt werden kann. Dasselbe gilt für leichte Probleme mit der Niere. Schwere Nebenwirkungen sind sehr selten, ich selbst habe sie noch nie beobachtet. In diesem Zusammenhang darf man übrigens auch nicht ganz vergessen, dass es aber auch ein sehr teures Medikament ist.

Wie lange setzt man die Antikörpertherapie denn ein?

Damit das Medikament seine Wirkung entfalten kann, muss man es über einen längeren Zeitraum einsetzen. Es wurden Studien über 12, 15 und 24 Monate während bzw. nach einer Chemotherapie durchgeführt. Manche Kollegen setzen es auch als Dauertherapie bis zur Progression (red.: Fortschreiten der Erkrankung) ein. Die optimale Behandlungsdauer ist unklar.

Herzlichen Dank, Herr Professor Mamot.
Dr. Kai Kaufmann
Freier Journalist
02.07.2014